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Ezra Husebø hat in Leipzig Englisch und Kunst auf Lehramt studiert und im April 2023 seine Staatsexamensarbeit zum Thema „The English Comparative – a Study on the Effects of Grammatical Variability on Phonetic Realization“ eingereicht. Die Erstbetreuung übernahm Prof. Dr. Arne Lohmann, Professor für Anglistische Sprachwissenschaft am Institut für Anglistik. Mittlerweile ist Ezra Husebø als Referendar für die Fächer Englisch und Kunst an einer Schule in Hessen tätig.

Für Ezra Husebø steht fest, dass die Linguistik in der Lage ist, facettenreiche Aspekte der menschlichen Natur und ihrem Verhältnis zu Sprache zu beleuchten. Dabei interessiert ihn besonders, wie Wortwahl und Aussprache zusammenhängen: Wie sprechen wir denn eigentlich, wenn wir unsicher sind, welche grammatikalische Form eines Wortes die wahrscheinlichere ist? Was genau Ezra Husebø in seiner Abschlussarbeit untersucht hat und zu welchen Ergebnissen er gelangt ist, verrät er im Interview.

Wenn Sie Freund:innen oder Familie das Thema Ihrer Arbeit in drei Sätzen erklären müssten, was würden Sie sagen?

Die Grundannahme hinter der Arbeit ist, dass Sprache probabilistisch ist, also von Wahrscheinlichkeiten gelenkt wird. Dementsprechend kann gesagt werden, dass die Wahl zwischen zwei konkurrierenden grammatikalischen Formen, zum Beispiel „I am more proud“ vs. „I am prouder“, von mehreren Faktoren beeinflusst wird. Wählt ein:e Sprecher:in die situativ unwahrscheinlichere Form, wird dies negative Auswirkungen auf den Sprachfluss haben, indem Wörter langsamer ausgesprochen werden und der Satz mehr Einschübe wie „uh“ und „mh“ enthält, wodurch er nicht mehr so flüssig klingt. Um diese These zu bestätigen, habe ich einen großen US-amerikanischen Sprachkorpus mit über 11.000 Telefonaten im Hinblick auf solche konkurrierenden grammatikalischen Formen analysiert.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich auf ein Thema festzulegen? Schließt es an ein Lehrveranstaltungsthema oder ein Forschungsprojekt am Institut an?

Ja, es fiel mir tatsächlich sehr schwer. Ich habe mir viel Zeit dafür genommen und wollte ursprünglich etwas über britische Literatur aus dem 14. Jahrhundert und Manuskriptforschung schreiben, konnte mich aber nicht auf ein Thema festlegen. Dann erinnerte ich mich an das Modul "Diachrone Linguistik: Corpus Linguistic Approach to Language Change" bei Professor Lohmann, das mir damals sehr gut gefallen hatte. Nach ein paar Treffen mit Professor Lohmann stand auch schon das Thema fest.

Warum hat das Thema gesellschaftliche Relevanz? Oder an welcher Stelle, für welchen Bereich und welche Personengruppen genau?

Auch wenn das Thema zunächst vielleicht etwas weltfremd, abstrakt und langweilig klingen mag (ist mir zumindest öfters gesagt worden), handelt es sich eigentlich um sehr spannende Fragen zur menschlichen Natur und ihrem Verhältnis zur Sprache. Was bedeutet es, eine Sprache sprechen zu können? Welches Wissen ist hierfür nötig? Neben dem Wissen über Wörter und Grammatik argumentiert meine Arbeit, dass auch ein Verständnis für linguistische Wahrscheinlichkeiten eine Rolle spielt, was sich in der phonologischen Aussprache zeigt. Dieser Standpunkt unterscheidet sich deutlich von der lange Zeit vorherrschenden Theorie von Noam Chomsky, die eine strenge Trennung zwischen dem Wissen über Sprache ("Langue") und der Anwendung von Sprache ("Parole") befürwortete.

Welche Unterstützung hat der:die Betreuer:in leisten können? Was hat das Betreuungsverhältnis gekennzeichnet?

Professor Lohmann hat mich wirklich sehr viel unterstützt – für mich war das gesamte Thema und die dazugehörigen Forschungsmethoden ja vollkommenes Neuland. Egal, ob bei Regressionsmodellen oder bei Schallwellenmustern, er war immer für alle Fragen da, wofür ich sehr dankbar bin. Das Betreuungsverhältnis ist vielleicht am besten durch einen sehr regen und ausführlichen Emailverkehr gekennzeichnet, sowie ein geteiltes genuines Interesse für das Thema. Ein:e Betreuer:in, der:die sich für das Thema begeistert, kann sehr ansteckend sein.

Was hat Ihnen beim Schreiben besonders viel Freude gemacht? / Was hat Sie besonders an Ihrem Thema gereizt?

Besondere Freude hat mir der Forschungsteil bereitet, an dem ich zweifellos auch am längsten gearbeitet habe. Je mehr ich mich ins Thema vertiefte und je mehr Daten ich sammelte, desto gespannter war ich auf das Resultat. Als ich dann die Ergebnisse hatte und „nur“ noch alles aufschreiben musste, war ich zunächst etwas ernüchtert.

An welchem Ort konnten Sie am besten schreiben/nachdenken?

Da ich mit verschiedenen Statistik- und Sprachanalyseprogrammen gearbeitet habe, bei denen ich gleichzeitig auf viele Tabs zugreifen musste, habe ich den Großteil der Arbeit von zu Hause aus erledigt, wo ich über entsprechend viele Monitore verfüge, was die Arbeit enorm erleichterte. Zum Schreiben selbst bin ich gerne in die Bibliothek für Regionalwissenschaften gegangen (da findet man immer einen Platz, selbst in der Klausurenphase – so als kleiner Tipp am Rande).

Wenn Sie anderen Studierenden, die gerade ihre Abschlussarbeit vorbereiten oder schreiben, einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Begrenzt die Zeit, die ihr daran schreiben wollt. Wenn man 6 Monate zur Verfügung hat, wird man 6 Monate brauchen. Sind es 12 Monate, wird man auch diese Zeit füllen. Ich hatte mir fast ein Jahr für die Abschlussarbeit Zeit genommen, weil ich mit Ruhe daran gehen, und am Ende auch noch genug Zeit für die Abschlussklausuren haben wollte. …Natürlich war es am Ende alles andere als entspannt und ich habe sehr viel mehr Zeit mit der Abschlussarbeit verbracht als geplant. Versucht einfach ein bisschen entspannt und vor allem pragmatisch zu sein.

 

Das sagt der Betreuer:

Die Arbeit ist sehr spannend, da sie einer bisher nur wenig untersuchten Frage nachgeht, nämlich: Inwieweit beeinflusst die Unsicherheit bei der Wahl grammatischer Alternativen die Aussprache? Diese Frage erforscht Herr Husebø anhand der Komparativalternation im Englischen, also ob bspw. beim Adjektiv proud die Form prouder or more proud gewählt wird. In der Untersuchung nutzt Herr Husebø Sprachdaten aus einem großen Korpus des amerikanischen Englisch, die er in sehr kompetenter Weise aufbereitet und statistisch auswertet. Eine tolle Examensarbeit!

 

  • Jedes Jahr werden an der Philologischen Fakultät mehr als 500 Abschlussarbeiten geschrieben. Ab Wintersemester 2023/24 stellen wir einige davon im Detail vor.