Die Nachwuchsforschungsgruppe "VarLeM: Variabilität und Pfadabhängigkeit des Lexikongebrauchs im Mehrsprachigkeitskontext" im Emmy-Noether-Programm der DFG untersucht korpusbasierte Lexikologie im Zusammenspiel mit psycho- und diskurslinguistischen Ansätzen sowie der Mehrsprachigkeitsforschung. Unter der Leitung von Dr. Anna Shadrova wird das Projekt von 2025 bis 2031 in zwei dreijährigen Phasen gefördert. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Doktorandinnen, Rahel Gajaneh Hartz und Nina Richter, arbeiten im Rahmen der Gruppe an ihren Promotionsprojekten.
Die Nachwuchsforschungsgruppe im Emmy-Noether-Programm der DFG unter Leitung von Dr. Anna Shadrova verortet sich im Feld der korpusbasierten Lexikologie mit Schnittstellen zur Psycho- und Diskurslinguistik, sowie in der Mehrsprachigkeitsforschung. Sie wird in zwei dreijährigen Phasen von 2025 bis 2031 gefördert. Rahel Gajaneh Hartz und Nina Richter sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Doktorandinnen in der Gruppe.
Die Gruppe erforscht und systematisiert Gebrauchsmuster des Lexikons in aufgabenbasierten Kontexten und modelliert ihre Beziehung zu Eigenschaften des mentalen Lexikons. Hintergrund ist die Beobachtung einer extrem ausgeprägten inter-individuellen Variabilität der verwendeten Lexeme auch in gleichen, alltäglichen und vermeintlich trivialen Aufgaben wie Video- oder Wegbeschreibungen. Der Grad dieser Variabilität wirft mathematische Probleme für das dominante statistische Paradigma in der korpusbasierten Lexikologie auf und stellt zentrale Ideen vorwiegend phraseologischer Gebrauchstheorien des Lexikons in Frage.
Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch Muster auf verschiedenen lexikologischen Analyseebenen (z.B. strukturelles Priming auf Wortbildungsebene, morphophonotaktische und lexikosemantische Auffälligkeiten). Diese sind bisher nicht systematisch erfasst, insbesondere jene, die sich in der Textchronologie/im Textfluss entfalten, da sie in den dominierenden bag-of-words-Ansätzen nicht erkannt werden können. Aufgrund bislang fehlender Longitudinaldaten in L1 mit gleichbleibenden Aufgaben ist zudem unklar, ob solche Muster intra-individuell stabil sind – ob es beispielsweise eine Sprecher:innentypologie entlang morphologischer oder semantischer Kategorien gibt – oder ob die hohe inter-individuelle Variabilität aus einer gleichfalls hohen intra-individuellen Variabilität hervorgeht, ob also das Lexikon auch in alltäglichen Bereichen als hochproduktiv zu verstehen ist. Bereits deutlich ist hingegen der Einfluss von Mehrsprachigkeit, der sich sowohl bei bilingualen L1-Sprecher:innen, als auch bei Lerner:innen des Deutschen als Fremdsprache in jeweils unterschiedlicher Weise zeigt. Diese Einflüsse betreffen zum Beispiel Koselektionseigenschaften der Wörter, abe auch unterschiedliche Produktivitätsraten bestimmter Wortkategorien unter Einfluss von innerem Sprachkontakt.
- Die systematische Erfassung von lexikalischen Gebrauchsmustern in aufgabenbasierten Elizitationen (mehrere Elizitationen derselben Aufgaben mit denselben Sprecher:innen) und die Entwicklung adäquater Quantifizierungen zu Vergleichszwecken.
- Die Abgrenzung von allgemeinen Mehrsprachigkeitseffekten von Sprachstandseffekten durch eine parallele Erhebung bei ein- und mehrsprachigen L1-Sprecher:innen sowie DaF-Lerner:innen sowie, sofern möglich, eine Beschreibung struktureller Veränderungen im Lexikongebrauch in bestimmten DaF-Erwerbsphasen.
- Eine Triangulation der gefundenen Gebrauchsmuster in Produktionsdaten mit Verhaltensdaten (z.B. Reaktionszeitexperimente) mit denselben Sprecher:innen, um eine Beziehung zu Eigenschaften des mentalen Lexikons herzustellen.
- Prof. Dr. Katrin Wisniewski (Herder-Institut, Universität Leipzig)
- Dr. Matthias Schwendemann (Herder-Institut, Universität Leipzig)
- Dr. Alfred Anwander (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig)
- Prof. Dr. Judith Purkarthofer (Universität Duisburg-Essen)
- Prof. Dr. Wander Lowie (Rijksuniversiteit Groningen)
17.12.25, 13:15-14:45: Forschungskolloquium am Herder-Institut, GWZ 1015, Beethovenstr. 15, Universität Leipzig
28.01.26 Universität Duisburg-Essen
Wenn verschiedene Sprecher:innen dieselbe Aufgabe lösen, zum Beispiel eine Situation in einem Video oder einen Weg beschreiben, verwenden sie dabei erstaunlich viele verschiedene Wörter (Lexeme). So viele, dass in einer Stichprobe von drei beliebigen Sprecher:innentexten fast keine Überlappungen zu finden sind. Diese lexikalische Vielfalt spiegelt einerseits die Vielfalt der Auffassungen und Wahrnehmungen einer äußerlich gleichen Situation wider.
Sie ergibt sich aber andererseits offenbar auch aus Mustern, die etwas mit den Eigenschaften der Wörter selbst zu tun haben, wenn man die Ebene der reinen Wortform verlässt. Zum Beispiel finden wir bei manchen Sprecher:innen eine Präferenz, vielsilbige Verben mit vielsilbigen Nomen zu verwenden, z.B. „Sozialsysteme überarbeiten“, was sowohl auf der semantischen Ebene (z.B. Abstraktionsgrad, Spezifität), als auch morphophonotaktisch (rhythmisch) interpretierbar ist. In Aufsatztexten finden wir bei manchen Sprecher:innen strukturelles Priming auf der Wortbildungsebene der komplexen Verben – wenn Sprecher:innen einmal ein Partikelverb verwenden, neigen sie dazu, danach in einem kurzen Zeitraum viele weitere zu verwenden, und dann nicht mehr. Die Verben sind dabei nicht semantisch oder phonologisch verwandt. Dasselbe geschieht komplementär bei Präfixverben. Das ist interessant, weil die meisten Sprecher:innen gar nicht bewusst benennen könnten, was ein Präfix- und was ein Partikelverb ist, und trotzdem behandelt ihre sprachliche Kognition sie systematisch. Solche Muster deuten darauf hin, dass nicht nur die Bedeutungsebene die Auswahl der Wörter in einem Text bestimmt, sondern auch Aktivierungsketten im mentalen Lexikon eine Rolle spielen könnten.
Bislang wissen wir nicht, ob solche Muster bei einzelnen Sprecher:innen stabil sind, ob es also verschiedene Typen von Sprecher:innen gibt, oder ob alle Sprecher:innen sie manchmal oder in manchen Kontexten zeigen und in anderen nicht. Dafür fehlen uns bislang die Daten: Aufgabenbasierte Korpora in der Erstsprache werden eher nicht longitudinal erhoben und auch nicht mit mehreren Aufgaben. Somit wissen wir nicht, ob Sprecher:innen, die bestimmte Muster in Aufsatzaufgaben zeigen, sich in Beschreibungsaufgaben ähnlich verhalten. Wenn das der Fall wäre, wäre es interessant, zu sehen, ob wir diese Eigenschaften auch direkt im Experiment messen können – ob also Personen, die besonders lexikalisch produktiv sind, also viele Wörter verwenden oder neu formen, auch in psycholinguistischen Experimenten andere Reaktionen zeigen. Das würde Rückschlüsse auf die Vernetzungseigenschaften des mentalen Lexikons erlauben – und ob diese überhaupt stabil oder ständig in Bewegung und im Umbau begriffen sind.
Besonders relevant wird das im Mehrsprachigkeitskontext, denn das mentale Lexikon von mehrsprachigen L1- und von L2-Sprecher:innen unterscheidet sich vom einsprachigen. Die oben genannten Muster finden wir bei einigen L1-Sprecher:innen, aber fast nie bei Lerner:innen des Deutschen als Fremdsprache auch im weit fortgeschrittenen Erwerb. Bei mehrsprachig Aufgewachsenen finden wir Einflüsse der anderen Erstsprache in ihrem Sprachgebrauch. Z.B. verwenden einige erwachsene Sprecher:innen, die mit Russisch und Deutsch aufgewachsen sind, mehr Verben, die sowohl Bewegungsart als auch Richtung ausdrücken, wie „rüberrennen“, wenn sie eine Verkehrssituation beschreiben.
Wir vermuten, dass solche Einflüsse systematisch vom inneren Sprachkontakt abhängen, dass es aber außerdem auch allgemeine Effekte der Mehrsprachigkeit gibt. Zum Beispiel ist das mehrsprachige Lexikon natürlich größer und kann darum mehr Verknüpfungen zwischen verschiedenen Wörtern und Konzepten herstellen. Ist es deswegen auch schwerer zu navigieren, weil mehr Aktivierungen unterdrückt (inhibiert) werden müssen? Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass das phasenweise der Fall sein könnte, nämlich bei jugendlichen Bilingualen und bei DaF-Sprecher:innen auf mittleren bis höheren Sprachständen.
Da Diskurs und Lexikon eng verknüpft sind – wir erkennen und formen ein Thema im Gespräch durch die Wörter, die wir verwenden – ergeben sich aus diesen Beobachtungen wichtige Fragen für die Textproduktion und -bewertung. Könnte es sein, dass bestimmte Strukturierungs- und Umbauprozesse des mentalen Lexikons für eigene Aktitiverungsketten sorgen, so dass der Textfluss und auch die Themen, die behandelt werden, von diesen Prozessen beeinflusst werden (und nicht nur von dem, was man sagen will)?
Weitere Veröffentlichungen
Zur Variabilität des Lexikons im aufgabenbasierten Korpora:
Shadrova, A. (2025): No three productions alike: Lexical variability, situated dynamics, and path
dependence in task-based corpora. Open Linguistics, 11(1): 20240036. https://doi.org/10.1515/opli-2024-0036
Zu unterschiedlichen Gebrauchsmustern in L1 und L2:
Shadrova, A. (2024): Ein graphbasierter Ansatz zur Untersuchung usueller Wortverbindungen in der L2 Deutsch. Deutsch als Fremdsprache, 2024(3):131–141. https://doi.org/10.37307/j.2198-2430.2024.03.02
Shadrova, A. (2020): Measuring coselectional constraint in learner corpora: A graph-based approach. Univ.-Diss., Humboldt-Universität zu Berlin, Sprach- und literaturwissenschaftliche
Fakultät. http://dx.doi.org/10.18452/21606
Zu Einflüssen der Mehrsprachigkeit auf die Wortbilungsproduktivität der komplexen Verben:
Shadrova, A., R.G. Hartz & A. Lüdeling (in prep.): Bilingualism modulates complex verb productivity in a task-based corpus of L1 German.
Zur Modellierung und Integration von Korpusdaten:
Shadrova, A., Klotz, M., Hartz, R. G. & Lüdeling, A., (2025). Mapping the mappings and then containing them all: Quality assurance. Linguistic dynamics in heritage speakers: Insights from the RUEG group, 69.
Shadrova, A., Lüdeling, A., Klotz, M., Hartz, R. G., & Krause, T. (2025). „Step away from the Computer!“: Über die linguistische Datenkategorisierung als Erkenntnisprozess und daraus folgende Herausforderungen bei der Nachnutzung von Annotationen und Annotationstools. Zeitschrift für germanistische Linguistik, 53(1), 166-214.