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Gut 2200 Studierende sind in die Studiengänge Germanistik oder Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in den Bachelor-, Master- und Lehramtsstudiengängen eingeschrieben. Im Wintersemester, das im Oktober startet, werden knapp 500 Neuimmatrikulierte erwartet.

Während vielen Studierenden der Umgang mit Literatur und Literaturanalysen aus der Schule vertraut ist, kommen sie an der Universität häufig zum ersten Mal mit (germanistischer) Sprachwissenschaft in einen intensiveren Kontakt, der über reine Grammatikregeln hinausgeht. Wie unterschiedlich, und dabei stets tiefgründig, der persönliche und wissenschaftliche Kontakt mit der deutschen Sprache sein kann, zeigt unser Interview mit verschiedenen Lehrenden aus dem Institut für Germanistik und dem Herder-Institut.

Im Interview lesen Sie die Antworten von Julia Fuchs-Kreiß (seit Juni 2022 Juniorprofessorin für Germanistische Linguistik – Pragmatik), Hrvoje Hlebec (seit März 2023 Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur mit dem Schwerpunkt Sprachdidaktik), Maxi Kupetz (seit April 2024 Professorin für Deutsch als Zweitsprache), Niklas Reinken (seit Oktober 2024 Juniorprofessor für Grammatik für die Schule), Beat Siebenhaar (seit 2008 Professor für Germanistische Linguistik, Schwerpunkt Varietätenlinguistik) und Nina Simon (seit April 2021 Juniorprofessorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache mit dem Schwerpunkt Kulturstudien).

 

Was ist Ihr Lieblingswort aus der deutschen Sprache?

JP Dr. Julia Fuchs-Kreiß: „Liebe“. Neben dem Inhalt mag ich den Klang des Wortes, diesen langen Vokal „i“ gefolgt vom stimmhaften Plosiv „b“ und dem sanften Schwa am Ende.

Prof. Dr. Hrvoje Hlebec: Ein Lieblingswort habe ich nicht. Ich freue mich immer wieder, wenn ich Gelegenheiten habe, Wörter zu gebrauchen, die ich vorher nicht kannte oder wieder vergessen hatte. Das sind keine obskuren Wörter, sondern Ausdrücke wie „zumal“ oder „sich verdanken“, die meine Ausdrucksmöglichkeiten bereichern.

Prof. Dr. Maxi Kupetz: "ähm". Wird in seiner Funktion oft unterschätzt und zu Unrecht kritisiert. Dabei steht's sogar im Duden.

JP Dr. Niklas Reinken: Ich mag gerne Fremdwörter, denen man ihre fremde Herkunft gar nicht mehr ansieht – wie das Wort „Suppe“ zum Beispiel, das ursprünglich aus dem Französischen stammt. Das zeigt die unglaublich starke Integrationskraft der deutschen Sprache.

Prof. Dr. Beat Siebenhaar: „gvätterle“. Das im Schweizerdeutschen und beschränkt im nördlicheren Alemannischen belegte Wort ist von „Gevater“ und dieses von „Vater“ abgeleitet und bezeichnet in der ersten Bedeutung ‚Vater und Mutter spielen‘ von Kindern. Es hat dann auch die Bedeutung angenommen ‚mit Kindern spielen‘ und von dort die Bedeutung ‚etwas ohne Ernst betreiben‘, ‚die Zeit vertrödeln‘. Heute wird es fast nur noch in letzter Bedeutung verwendet.

JP Dr. Nina Simon: Ein Lieblingswort habe ich nicht, aber ich mag Tunay Önders Umgang mit Sprache sehr. Sie verschränkt in ihrer Kunst aus einer machtkritischen Perspektive auf Gesellschaft die deutsche mit der türkischen Sprache. Dabei heraus kommen Wortschöpfungen wie „Enşoligensi“, die auf subversive Art und Weise u.a. den Blick derjenigen, die Deutsch als erste Sprache sprechen auf diejenigen, die Deutsch als zweite oder dritte Sprache sprechen, zum Thema machen.

 

Und welches mögen Sie gar nicht?

Fuchs-Kreiß: „Hass“. Zum einen mag ich das Wort wegen seines Inhalts nicht. Ich denke zum Beispiel an Hassrede. Zum anderen klingt dieses einsilbige Wort mit seinem stimmlosen Frikativ „s“ am Ende so hart und schroff.

Hlebec: Ich empfinde es oft als unangenehm, wenn beispielsweise Ausdrücke aus Verwaltung oder Kommerz in die informelle Kommunikation übernommen werden. Wörter wie „zeitnah“ oder „learning“führen bei mir dazu, dass ich das Gefühl habe, Teil eines Verwaltungsakts oder eines Beratungsgesprächs zu sein, wo ich dachte, man unterhält sich entspannt.

Kupetz: "Genderwahn". Weil es übertreibt und das Bemühen um inklusiven Sprachgebrauch verhöhnt.

Reinken: Jedes Wort erfüllt eine kommunikative Aufgabe und besetzt eine kommunikative Nische, deshalb möchte ich ihnen ihre Berechtigung nicht absprechen. Aber immer dann, wenn Sprache missbraucht wird, um andere Menschen herabzuwürdigen, gefallen mir die genutzten Wörter nicht.

Siebenhaar: „woke“. Das Wort, das ursprünglich für die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit steht, ist in der Bedeutung immer mehr ausgeweitet worden. Im Gegenzug wird es heute von der politischen Rechten und auch von konservativen Kreisen in seiner Ablehnung als Fahnenwort für jegwelche von ihnen abweichende Position eingesetzt. Der Begriff wird so zur Diffamierung genutzt und steht damit für die Ablehnung einer Auseinandersetzung um Gerechtigkeit. 

Simon: Jede Art diskriminierender (Fremd-)Bezeichnungen.

 

Was finden Sie an der deutschen Sprache besonders interessant?

Fuchs-Kreiß: Die „Kompositionsfreudigkeit“ (wie es meine ehemalige Kollegin Barbara Schlücker nennt)! Dabei entstehen komplexe Wörter durch die Zusammensetzung zweier Lexeme (wie in „Buch“+„Laden“ → „Buchladen“). Interessant ist zum Beispiel, dass dieses hochproduktive Wortbildungsmuster in Hassrede oft auf kreative Weise und zu destruktiven Zwecken eingesetzt wird.

Hlebec: Ich mag an der deutschen Sprache – wie an Sprache generell –, dass sie nicht stillsteht und sich über kurz oder lang den Normvorstellungen selbsternannter Sprachschützer entzieht. Ich finde ihre Stellung zwischen Natur und Kultur faszinierend und bin froh, dass wir sie beeinflussen, aber nicht einfach unserem Willen unterwerfen können.

Kupetz: Ich kann mich für alles, was mit Sprache und sozialer Interaktion zu tun hat, begeistern: Wie werden kommunikative Aufgaben in verschiedensten Handlungsfeldern sprachlich vollzogen? Welche Rolle kann Mehrsprachigkeit dabei spielen? Dringlich sind aus meiner Sicht die Fragen, welche sprachlichen Anforderungen in Bildungsinstitutionen bestehen und wie ausreichend Lerngelegenheiten geschaffen werden können, damit diese Anforderungen von allen erfüllt werden können.

Reinken: Ich finde spannend, dass sie sich ganz anders als viele germanische Sprachen entwickelt hat. Zum Beispiel hat Deutsch im Gegensatz zu vielen germanischen Sprachen drei Genera bei den Nomen statt zwei (z. B. Niederländisch, Schwedisch) oder gar kein Genus (z. B. Englisch). Oft unterschätzen wir unsere Sprache – es ist eine der am besten erforschten Sprachen weltweit und der am häufigsten gesprochenen Sprachen – über 180 Millionen Menschen sprechen Deutsch.

Siebenhaar: Die Vielfalt in der deutschen Sprache in all ihren Facetten, in geographischer Hinsicht, in stilistischer Hinsicht, in sozialer Hinsicht, in historischer Hinsicht. Und das enge Geflecht zwischen diesen Dimensionen (Hier ein Satz ohne Verb ;o) ). So kann eine lautliche Variante – z. B. die Zungenspitzen-Realisierung von /r/ –, die im Mittelhochdeutschen üblich war, in einzelnen Dialekten bewahrt sein, sie kann dort allenfalls (Helvetismus) innerhalb der Dialekt-Standard-Variation, stilistisch genutzt werden und hat vielleicht auch eine soziale Differenzierung. 

Simon: Wie in amtlich deutschsprachigen Regionen (Dirim 2015) wie beispielsweise Deutschland mit der sogenannten „befähigenden Verletzung“ (Spivak 2003), die aus dem Erlernen(-Müssen) der deutschen und damit der hegemonialen Sprache resultiert, umgegangen werden kann. Als „befähigende Verletzung“ lässt sich dieses Erlernen(-Müssen) deshalb einordnen, weil es einerseits einen Zwang und damit eine Verletzung beinhaltet, andererseits aber eben auch die Möglichkeit gesellschaftlicher Partizipation und damit eine Befähigung.

 

Welche Varietät des Deutschen mögen Sie besonders gerne?

Fuchs-Kreiß: Leichte Sprache (obwohl der Varietätenbegriff in diesem Kontext nicht unumstritten ist)! Mir gefällt die Idee, die Leichter Sprache zugrunde liegt: Nämlich Menschen, für die standardsprachliche Texte Barrieren darstellen, Zugang zu Informationen und damit ein Stück weit auch Teilhabe zu ermöglichen. 

Hlebec: Schwäbisch. 

Kupetz: Varianten, die von bestimmten sozialen Gruppen benutzt werden, z. B. Kiezdeutsch. Dieser Sprachgebrauch ist identitätsstiftend und nicht immer an schriftsprachlichen Normen orientiert – und lässt sich trotzdem systematisch beschreiben. Das ist spannend!

Reinken: Jetzt muss ich ein bisschen schummeln – ich mag nämlich besonders gern die Schwestersprache des Deutschen: Niederdeutsch. Und zwar natürlich das Niederdeutsch, das in meinem Heimatdorf im Oldenburger Münsterland gesprochen wird. Wenn man auf Platt schimpft, kommt es einfach viel mehr von Herzen.

Siebenhaar: Selbstverständlich Schweizerdeutsch in seiner ganzen Breite, es ist die Sprache, die ich als Kind gelernt habe, bevor ich in der Schule auch Schriftdeutsch gelernt habe. Im Schweizerdeutschen bin ich immer noch am meisten zu Hause, ich kann mich damit am differenziertesten und am natürlichsten ausdrücken. Ich empfinde es als sehr befremdlich, wenn Leute ihre regionale Varietät verstecken wollen. Leider machen das Sachsen viel zu häufig, und leider nicht unbegründet, weil mit dem Sächsischen seit Jahrhunderten immer wieder negative Vorurteile verbunden werden. 

Simon: Das Wienerische.

 

Was ist Ihr Tipp, wenn jemand Deutsch lernen möchte?

Fuchs-Kreiß: Mein Tipp ist nicht spezifisch für das Erlernen der deutschen Sprache. Ich glaube, dass mit Blick auf das Pauken von Grammatik und Vokabeln immer gilt: Einmal von der Faszination für Sprache(n) ergriffen, wird Mühe zu Freude und Last zu Lust.

Hlebec: Geduld und Ausdauer.

Kupetz: Den einen Tipp gibt's nicht. Es ist auf jeden Fall hilfreich, keine Angst vor Fehlern zu haben und herauszufinden, was Spaß macht: Mit wem spreche ich gern? Welcher Podcast interessiert mich? Welche Texte möchte ich lesen und schreiben können? Das lässt sich dann systematisch für's sprachliche Lernen nutzen. Und wenn es mühsam wird: nicht aufgeben. 

Reinken: Ich habe zwei Tipps: Suchen Sie nach Mustern in der Sprache. Viele vermeintlichen Unregelmäßigkeiten sind gar nicht so unregelmäßig, wenn man sie systematisch einordnet und mit der eigenen Sprache vergleicht. Und der zweite Tipp: Suchen Sie sich Gesprächspartner und üben Sie gemeinsam!

Siebenhaar: Ich bin nicht DaFler (DaF = Deutsch als Fremdsprache), aber aus meiner Sicht sollte nach einer Phase des auf die normierte und kodifizierte Standardsprache ausgerichteten Unterrichts die Wahrnehmung der (regionalen) Variation geschärft werden. Denn wenn man in den deutschen Sprachraum kommt, wird man im Alltag meist mit stark regional geprägten Gebrauchsstandard und manchmal sogar mit Dialekten konfrontiert. Das Bewusstsein dafür kann den Kulturschock etwas abmildern.

Simon: Reflexionen auf das Erlernen(-Müssen) der deutschen Sprache als ambivalentes Unterfangen im Sinne der beschriebenen Spivak‘schen „befähigenden Verletzung“ können dazu beitragen, sowohl gesellschaftlich partizipieren zu können als auch widerständig mit Blick auf dieses Erlernen(-Müssen) zu bleiben bzw. zu werden.

 

 

Wir heißen alle Neuimmatrikulierten herzlich willkommen an der Philologischen Fakultät und wünschen ihnen, sowie allen wiederkehrenden Studierenden, einen guten Start in das Wintersemester 2025/26!