Wenn Sie Freund:innen oder Familie das Thema Ihrer Arbeit in drei Sätzen erklären müssten, was würden Sie sagen?
In meiner Staatsexamensarbeit geht es um den Medienwechsel von Literatur zu Tanz, konkret von zwei französischen Romanen zu ihren Ballett-Adaptionen. Um zu verstehen, wie der Übergang von einem Medium zum anderen funktioniert und durch welche Notwendigkeiten, Grenzen und Potenziale dieser bedingt wird, habe ich mich auf zwei Aspekte fokussiert: die Umsetzung von Lektüre, Schrift und Literatur im Ballett und die Darstellung der Innenwelten der Protagonistinnen meiner zwei ausgewählten Romane, Emma aus Madame Bovary und Marguerite aus der Kameliendame. Dabei konnte ich anhand dieser Aspekte nicht nur die Bedingungen des Medienwechsels aufzeigen, sondern auch herausarbeiten, wie sich das Literaturballett vom 20. zum 21. Jahrhundert verändert und weiterentwickelt hat.
Wie sind Sie auf dieses Thema „gekommen“, also: wie haben Sie dieses Thema gefunden und warum wollten Sie es bearbeiten?
Tanz und Bewegung begleiten mich schon sehr lange – im Tanzsaal als Tänzerin und Tanzpädagogin, auf der Bühne und in der Oper oder auch in meiner Lektüre. So habe ich bereits meine Facharbeit in der 11. Klasse zum Thema des Kreativen Kindertanzes geschrieben. Auch im Studium wollte ich meine Leidenschaft für Tanz und für die französische Literatur kombinieren und habe dazu viel recherchiert. Immer mehr habe ich festgestellt, dass es hier noch einiges zu untersuchen und erforschen gibt, da Tanz in Zusammenspiel mit anderen Kunstformen und aus einer wissenschaftlichen Perspektive noch keinen so großen Einzug in die aktuelle Forschung verschiedener Disziplinen gefunden hat. Das ausschlaggebende Ereignis für meine konkrete Themenfindung war dann jedoch eine Exkursion zum Staatsballett Berlin, die meine Betreuerin Dr. Tanja Schwan angeboten hat und die mich dazu inspiriert hat, den Roman Madame Bovary von Gustave Flaubert ins Zentrum meiner Untersuchung zu stellen. Während meiner Erarbeitung des Themas bin ich auf eine mögliche historische und stilistische Weiterentwicklung des Literaturballetts vom 20. zum 21. Jahrhundert gestoßen, die sich dann auch zur zentralen These meiner Staatsexamensarbeit entwickelt hat. Dies hat mich motiviert, das Ballett Die Kameliendame von John Neumeier aus dem 20. Jahrhundert, basierend auf dem Roman La Dame aux Camélias von Alexandre Dumas d.J., mit Bovary aus dem 21. Jahrhundert zu vergleichen.
Was wurde mit welchen Methoden untersucht?
Ich habe in meiner Arbeit verschiedene Vorgehensweisen kombiniert. Grundlage der Untersuchung ist die vergleichende Inhaltsanalyse nach der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015), wobei meine Stichprobe aus den zwei Balletten und den zwei literarischen Ausgangswerken besteht. Konkret habe ich mit den Ausgangstexten und verschiedenen Videoaufnahmen bzw. Verfilmungen gearbeitet, natürlich ergänzt durch mehrfache Aufführungsbesuche und die Untersuchung von Paratexten (also Programmhefte, Artikel etc.). Außerdem hatte ich das besondere Glück, verschiedene Gespräche und Interviews mit der Dramaturgin des Staatsballetts Berlin, der Entwicklerin der Inszenierungsdokumentation des Archivs der Akademie der Künste und der Dramaturgin des Leipziger Balletts durchführen zu können.
Was hat Sie während des Arbeits-/Schreibprozesses (positiv oder negativ) überrascht?
Mich hat überrascht, wie viel sich auf dem Weg zur finalen Version der Arbeit geändert hat. Am Anfang dachte ich noch, dass sich meine Arbeit in eine ganz andere Richtung entwickelt, aber durch meine Recherchen und die Auswahl der Aspekte hat sich etwas ganz anderes ergeben. Zum Beispiel bin ich auf die Weiterentwicklung des Literaturballetts vom 20. ins 21. Jahrhundert gestoßen. Dies empfinde ich als sehr motivierend, da es mir zeigt, dass ich mich wirklich tief in die Thematik eingearbeitet habe und so etwas Spannendes gefunden habe.
Können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie Ihre Arbeit abgegeben haben? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? (Wie) Haben Sie die Abgabe gefeiert?
Natürlich kann ich mich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem ich meine Arbeit abgegeben habe. Ich war sehr stolz und habe mich sehr gefreut, die Arbeit zu Ende gebracht zu haben. Zugleich war ich auch ein wenig traurig, das Thema und die Arbeit gehen lassen zu müssen. Gefeiert habe ich die Abgabe für mich selbst, indem ich mir ein Mittagessen beim Italiener in der Sonne gegönnt habe.
Was hat Ihnen in dieser stressigen Zeit am meisten geholfen?
Tanzen! Ich habe während des Staatsexamens das Trainee Dance Program des Leipziger Tanztheaters absolviert. Das Traineeship parallel zum Staatsexamen war mit mind. drei Trainings pro Woche sehr intensiv, aber nach einem langen Tag alleine vor dem Laptop war es das Beste, was ich mir vorstellen konnte, um wieder in Bewegung und unter Menschen zu kommen.
Wird Sie das Thema Ihrer Arbeit auch weiterhin (beruflich oder in einem Anschlussstudium) beschäftigen? Wenn ja, auf welche Weise?
Ich hoffe sehr, dass mich das Thema meiner Arbeit auch weiter beschäftigen wird, da ich meine Ergebnisse gerne in einem Promotionsvorhaben weiter ausbauen würde. Hierfür würde ich meine Stichprobe gerne erweitern und weitere Inszenierungen verschiedener Choreographinnen und Choreographen aus unterschiedlichen Epochen und Stilen hinzufügen. Eventuell könnte auch eine aktuelle Inszenierung im Prozess der Entstehung untersucht werden. Außerdem plane ich, mein Wissen über Tanz und Tanzvermittlung im Rahmen einer Ausbildung für Tanzpädagogik, Performance und Choreographie an der Tanzzentrale hier in Leipzig zu vertiefen.
Wenn Sie anderen Studierenden, die gerade ihre Abschlussarbeit vorbereiten oder schreiben, einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?
Ich denke, dass es wichtig ist, ein Thema oder Vorhaben zu wählen, das persönliche Relevanz für einen selbst hat. Ich interessiere mich sehr für mein Thema, was mir dabei geholfen hat, mich jeden Tag wieder neu damit auseinanderzusetzen, motiviert zu bleiben und neue, unbekannte Aspekte zu entdecken.
Das sagt die Betreuerin:
Wie können Worte und Erzählverfahren in Körper und Bewegung transformiert werden? Mit dieser Frage im Kopf lotet Lilith Stein in ihrer wissenschaftlichen Abschlussarbeit Chancen und Risiken des Medienwechsels von der Literatur zum Ballett aus – und begibt sich damit auf ein noch kaum erforschtes Terrain im Spannungsfeld von Literatur- und Tanzwissenschaft. Stehen Literaturverfilmungen schon seit langem im Zentrum intermedialer Aufmerksamkeit, so fristen Literaturballette bisher eher ein Nischendasein. Lilith Stein stellt sich den besonderen Herausforderungen, die eine Analyse des flüchtigen Mediums Tanz birgt, und zeigt an ihren beiden Beispieladaptionen überzeugend auf, wie „Tanz über Literatur“ latenten Potenzialen der Romanvorlagen buchstäblich Gestalt verleiht: Er verdichtet, stilisiert, stellt aus, romantisiert und melodramatisiert. Umgekehrt werden die literarischen Texte zu Reflexionsmedien für das Ballett. Während die Romanprotagonistinnen ins Theater gehen und auf Bällen tanzen, lesen ihre Pendants auf der Ballettbühne Briefe, die zu „getanzten Antworten“ auffordern.
Aus meiner Sicht hat Lilith Stein eine Pionierarbeit vorgelegt, mit der sie einen innovativen Beitrag nicht nur zu einer medial erweiterten Literaturwissenschaft leistet, sondern weit darüber hinaus die Theoriedebatte um den neuen Begriff des „intermedialen Literaturballetts“ bereichert.
Jedes Jahr werden an der Philologischen Fakultät mehr als 500 Abschlussarbeiten geschrieben. Einige davon stellen wir im Detail vor.