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Romanistikstudierende der Universitäten Leipzig und Graz haben gemeinsam mit Studierenden der Theaterwissenschaften der Universität Avignon unterschiedliche Theaterkulturen erarbeitet und das Theaterfestival in Avignon besucht.

Keine Sorge, Sie dürfen sich ohne schlechtes Gewissen fragen: Was ist eigentlich ein BIP? Nun, es ist weder eine neuartige Parteiabkürzung noch ist das Bruttoinlandsprodukt gemeint. Stattdessen bezeichnet BIP ein Blended Intensive Programme – ein internationales Lernformat, finanziert durch Erasmus+, das zehn Leipziger Französischstudierenden einen trinationalen Austausch mit Studierenden aus Graz und Avignon ermöglicht hat.
Im Rahmen einer Lehrveranstaltung mit Exkursion reisten wir Anfang Juli 2025 für fünf Tage zum berühmten Theaterfestival nach Avignon, um die Interkulturalität des (französischen) Theaters kennenzulernen.
Le Festival d’Avignon, das sind drei Juliwochen hochkonzentriertes Theater(er)leben. Ganz im Sinne seines Slogans ‚Ville d’Exception‘ wird dann ganz Avignon zur Bühne und in den Gassen und den 140 Spielorten der südfranzösischen Kleinstadt dreht sich alles um Molière, Standup, Tanztheater und Co. 1947 im Rahmen einer Kulturwoche von Yvonne Zervos initiiert, hat es sich unter dem Einfluss berühmter Intendanten wie Jean Vilar und Alain Crombecque mittlerweile als eines der größten und bedeutendsten Theaterfestivals der Welt etabliert.

Bevor wir die Reise gen Süden antraten, galt es jedoch, unsere bisherigen Theatererfahrungen zu reflektieren und literaturwissenschaftliche Grundkenntnisse auszubauen. So beschäftigten wir uns in einem Seminar mit Ángela Calderón mit dem Wesen und der Funktion von klassischem, populärem und absurdem Theater und lernten zentrale Theaterpersönlichkeiten kennen. Diese Vorbereitung über das Semester hinweg half uns dann vor Ort, das Gesehene einzuordnen, mit Theorie und anderen Stücken zu verknüpfen und auch kritisch zu hinterfragen. Zudem machten wir uns im Rahmen eines Seminars von Christine Carrot mit exemplarischen Klassikern des französischen Theaters bekannt. Die Vorfreude stieg dadurch, dass einige der Stücke auch auf den Festivalbühnen zu erleben waren.

Eine Stadt wird zur Bühne

Anfang Juli war es dann soweit: Die BIP-Teilnehmenden aus Graz und Leipzig reisten nach Avignon. An der dortigen Universität wurden wir von den Theaterwissenschaftler:innen sehr herzlich empfangen und widmeten uns zunächst dem fachlich-theoretischen Teil unseres Programms. Im Vorhinein hatten wir in bi- und trinationalen Teams Vorträge ausgearbeitet, in denen wir uns nun gegenseitig Aspekte der Festivalgeschichte, interkulturelle Aspekte sowie einzelne Theaterstücke näherbrachten, die wir anschließend besuchen würden. Dadurch gingen wir mit einem umfassenden Kontextwissen in die Aufführungen, was unsere Diskussionen im Anschluss sehr bereicherte.
Tag 3 bis 5 waren dann eine tour de force der anderen Art: Neben einem vollen Programm aus Führungen, Museumsbesuchen, Podiumsdiskussion, gemeinsamen Essen und täglich zwei bis drei Theaterstücken trugen Hitze und Schlafmangel wesentlich zum Gruppenzusammenhalt bei. Dennoch blieb genügend Zeit, um in Kleingruppen Stücke des so genannten Off-Festivals – die Inszenierungen abseits der offiziellen und großen Hauptbühnen (In-Programm) zu besuchen, die Stadt zu erkunden, und auch das ein oder andere Eis zu essen.

So sollte man auch nicht denken, dass wir lediglich in akademischer Hinsicht von der Exkursion profitiert hätten. Mindestens ebenso prägend waren das private Miteinander, das in Seminaren oft zu kurz kommt, und die schiere Schönheit des Erlebten. Da gab es die Glasgebilde des Künstlers Othoniel, die überall in der Stadt an unerwarteten Orten zu entdecken waren. Da war die Vielfalt der Theaterorte, vom Turnhallenprovisorium bis hin zum luftigen Innenhof des gigantischen Papstpalasts (was hätte wohl ein Papst des 15. Jahrhunderts gesagt, wenn er mit uns das krude, absurde Theaterstück Nôt angeschaut hätte?). Da waren all die kuriosen Designs der Theaterflyer; die Plakate, mit denen jeder Pfahl und jede Gasse tapeziert war. Die dunstblauen Berge in der Ferne und der Gesang der Zikaden. Eine Fährüberfahrt auf der abendlichen Rhône; das Riesenrad und der Riesenmond. Ein Sonnenuntergang zu den Liedern Jacques Brels über der Bühne im mythischen Spielort Carrière de Boulbon, ein Steinbruch in den Außenbezirken der Stadt. Die Freundlichkeit, die man uns in den Straßen und auf unseren Führungen durch die Stadt, das Museum und die Bibliothek der Maison Jean Vilar entgegengebracht hat. In Avignon findet sich, vor allem während des Festivals, an jeder Ecke Schönes, Faszinierendes. 

Theaterskripte treffen auf spontane Sprechakte

Auch didaktisch gesehen war die Exkursion ein Erfolg, weil sie uns bei aller fachwissenschaftlichen Betrachtung zuallererst aktiv zum Sprechen brachte. Buchstäblich an jeder (Straßen-)Ecke erwarteten uns authentische Sprechanlässe, die Spontaneität und Offenheit förderten – ohne Netz und den doppelten Boden der deutschen Sprache, aber bei gelungener Verständigung auch mit intensiverem Erfolgserleben, als es ein Uniseminar vermag. So haben wir gelernt, …

  • dass wir uns tatsächlich spontan auf Französisch und auf akademischem Niveau austauschen können
  • lockeren Smalltalk auf Französisch zu führen, indem wir in den Gassen und Cafés von Schauspieler:innen immer wieder in kurze Pitches ihrer Theaterstücke verwickelt wurden
  • wie relevant und hilfreich Literaturwissenschaft für unsere individuellen Kulturerlebnisse sein kann, wenn unsere Gespräche beim Stadtbummel oder Essen immer wieder auf Gesehenes zurückkamen und wir uns durchaus kritisch dazu verhalten konnten
  • dass interkulturelle Unterschiede auch vor den Varietäten des Deutschen nicht Halt machen – das Verstehen der Französ:innen fiel uns manchmal leichter als das der Grazer Mundart … :)

So wie Theater im klassischen Sinne gesprochene Handlung ist, übten wir uns also (auch abseits der Theaterbühnen) im sprachlichen Handeln. Dass der akademische und persönliche Austausch dabei so ungezwungen lief, lag vor allem im Exkursionskontext begründet, der unserer interkulturellen Begegnung ein gemeinsames Ziel gegeben hat. Doch die Interkulturalität reichte über unsere deutsch-französisch-österreichische Trinationalität hinaus: Als Publikum reisten wir auch zusammen in den Libanon, nach Tunesien, in die Vergangenheit, zum Mond, …

Trinationales Miteinander

All das wurde gerahmt von dem überaus freundlichen und aufgeschlossenen Miteinander aller Teilnehmenden, das den gesamten BIP-Austausch zwischen Avignon, Graz und Leipzig geprägt hat. Dabei haben uns vor allem die Vielfalt unserer literatur-, kultur- und theaterwissenschaftlichen Perspektiven sowie die herzliche Aufnahme an der Avignon Université begeistert.

Unser größter Dank gilt jedoch unseren Dozierenden: Ángela Calderón für ihren Enthusiasmus und ihr umsichtiges Engagement als Projektorganisatorin, bei der die trinationalen Fäden zusammenliefen und in guten Händen waren. Und Christine Carrot für die umfassende sprachlich-thematische Vorbereitung auf Klassiker, die wir dann tatsächlich auch auf der Bühne erleben durften.
Darüber hinaus danken wir auch der Stabsstelle Internationales ganz herzlich; insbesondere Dr. Isabelle Maringer stand uns jederzeit für Fragen zur Verfügung und hat im Hintergrund dafür gesorgt, dass wir uns um die bürokratische Seite des BIP keine Sorgen machen mussten.
Und zu guter Letzt, ganz grundlegend: Wie großartig, dass es Möglichkeiten wie das BIP im Rahmen von Erasmus+ gibt! Wir sind sehr dankbar für die finanzielle Förderung, die uns diese Exkursion ermöglicht hat, und möchten jede:n ermutigen, ebenfalls solche Chancen zu nutzen, um Erfahrungen zu machen, die einen über das Studium hinaus begleiten und bereichern werden. 

 

  • Erasmus+ wird kofinanziert von der Europäischen Union.