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Stefan Rahn, aktuell als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sprachenzentrum der Freien Universität Berlin beschäftigt und verantwortlich für die Studien- und Prüfungskoordination, hat seine Dissertation am Herder-Institut geschrieben. Im Interview berichtet er von seinen Themen, mündlichen Prüfungen und deren sprachlichen Ausführungen, sowie seinem Werdegang und so einigen Tipps und Tricks.

Der Pfad zu einer Promotion beginnt mit der Studienwahl: Wo haben Sie Ihre Universitäts-Laufbahn begonnen und welche Stationen haben Sie durchlaufen?

Ich habe Anglistik, Deutsch als Fremdsprache und Hispanistik in Dresden studiert. Fremdsprachen zu erlernen und internationale Erfahrungen zu machen – das war mir immer wichtig. So zog es mich für mein Studium nach England und Spanien und für Praktika als Deutschlehrer ins Ausland. Nach dem Studium war ich vier Jahre lang für den Deutschen Akademischen Austauschdienst an zwei Londoner Universitäten tätig. Ich habe Deutschkurse für Germanistikstudierende gegeben und auch an der Außenstelle des DAAD gearbeitet. In dieser Zeit entstand mein Interesse an mündlichen Prüfungen als Forschungsthema, weil ich oft als Prüfer in mündlichen Prüfungen saß und über diese Situation nachdachte.

Das klingt nach viel Expertise und einiger Auswahlmöglichkeit der zukünftigen Arbeitsfelder. Warum sind Sie nach all den Stationen ausgerechnet nach Leipzig? Gab es für Leipzig einen besonderen Grund?

Für den Schritt nach Leipzig war das Herder-Institut ausschlaggebend, das für eine Promotion im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache ein sehr gutes Umfeld bietet. Und natürlich Prof. Christian Fandrych, der seit vielen Jahren gesprächslinguistische Forschung betreibt und mein Promotionsvorhaben entsprechend unterstützen konnte. Ich habe zu Beginn meiner Leipziger Zeit das Drittmittelprojekt „Gesprochene Wissenschaftssprache kontrastiv“ (GeWiss) mit auf den Weg gebracht und in meiner Dissertation dann zum Teil auch Prüfungsdaten aus dem GeWiss-Korpus verwendet. Die Voraussetzungen für eine linguistische Forschungsarbeit mit DaF-Bezug waren also wirklich hervorragend.

Und zu welchem Themenbereich haben Sie an der Uni Leipzig gearbeitet? 

Ich habe mündliche Prüfungen untersucht und wie darin sprachlich gehandelt wird. Aus der Außenperspektive denkt man vielleicht, da gäbe es wenig zu erforschen – es werden ja nur Prüfungsfragen gestellt und beantwortet. Tatsächlich passiert aber viel mehr. Es gibt eine Reihe von typischen Gesprächsstrukturen, die sich in einem größeren Datenkorpus im Prüfungsvergleich erkennen und herausarbeiten lassen. In der Linguistik spricht man von „sprachlichen Handlungsmustern“, die unter der sprachlichen Oberfläche liegen. Es handelt sich dabei um sprachlich-kommunikative Routinen, die wir alle nutzen, wenn wir miteinander interagieren.

Und solche Sprachroutinen haben Sie herausgearbeitet?

Genau. Prüfende haben zum Beispiel einige typische Routinen, um mit studentischen Wissenslücken umzugehen. Oft wird versucht, die mentalen Suchprozesse von Prüflingen durch das Nennen von Stichwörtern, Texten und Autoren, durch bestimmte Fragetypen (Regiefrage) oder strukturierende Äußerungen zu lenken. Wenn das nicht zum Erfolg führt, wirkt sich das schnell negativ auf die Prüfung aus. Es kann passieren, dass das Gespräch durch wiederholtes lenkendes Handeln auf Details verengt wird und die Prüflinge verunsichert werden. Ein anderes Beispiel sind argumentative Phasen, die oft durch Widerspruch von Prüfenden initiiert werden. Dieser Widerspruch – das habe ich in meiner Arbeit gezeigt – ist aber oft taktischer Art und soll erreichen, dass Prüflinge ihre argumentative Kompetenz unter Beweis stellen. Dabei nimmt die prüfende Person einfach die Gegenmeinung ein. Wer das falsch interpretiert und „zurückrudert“, tut sich keinen Gefallen, denn Ziel ist es seinen Standpunkt zu verteidigen. Das lässt sich auch an den konkreten sprachlichen Formulierungen erkennen, die verwendet werden.

Solche typischen Abläufe habe ich anhand von 28 Prüfungen aus philologischen, juristischen und erziehungswissenschaftlichen Studiengängen untersucht. Darunter sind auch Prüfungen mit internationalen Studierenden, die Deutsch als fremde Bildungs- und Wissenschaftssprache erlernt haben. Es gibt also auch interessante Vergleichsperspektiven in der Arbeit.

Ihre Arbeit klingt sehr praktisch, um sich mit dem Thema vertraut zu machen. Es scheint, als beinhalte sie viele Tipps und Situationen, aus denen man lernt. Zeichnet dies Ihre Arbeit aus? Was ist aus den Erkenntnissen mitzunehmen?

Konkrete Einblicke in das Prüfungsgeschehen an der Universität sind bisher rar – meine Arbeit sorgt hier für mehr Transparenz. Von den Ergebnissen können letztlich alle Studierenden profitieren, die sich auf mündliche Prüfungen vorbereiten. Ich habe aus meiner Analyse zwei Prüfungstypen – Wissensabfrage und Wissensdarbietung – abgeleitet und beschrieben, welche kommunikativen Aufgaben man als Student:in dabei hat. Der zweite Typ ist kognitiv und sprachlich sehr anspruchsvoll. Hier fällt den Prüflingen die Aufgabe zu, längere Antworten selbstständig sprachlich zu strukturieren, Zusammenhänge zu erklären, Forschungsbezüge herzustellen und argumentativ auf Dissens durch Prüfende zu reagieren. Ich habe außerdem umfangreiche didaktische Überlegungen dazu angestellt, was Gesprächskompetenz in Bezug auf mündliche Prüfungen bedeutet und was besonders internationale Studierende sprachlich können müssen, um in einer solchen Prüfung erfolgreich zu sein.

Hier gibt es also auch Anknüpfungspunkte für Lehrkräfte im studienbezogenen Deutschunterricht. Nicht zuletzt bietet die Arbeit interessante Fallbeispiele und Einsichten für Prüfende, die in Prüfungen ja auch nicht immer alles richtig machen. Sie können auf der Basis meiner Ergebnisse ihr eigenes Prüfungshandeln reflektieren. Die Ergebnisse sind also nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch anwendbar.

Wenn Sie den Studierenden einen Rat aus Ihrer Dissertationszeit mit auf den Weg geben würden, welcher wäre das?

Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, möglichst früh mit dem Schreibprozess zu beginnen, auch wenn man noch nicht das Gefühl hat, viel zum Thema sagen zu können. Erst dadurch entwickelt man die eigenen Überlegungen weiter und erkennt inhaltliche und methodische Schwachstellen sowie ungeklärte Fragen. Die Gefahr, sich einfach immer weiter in das Thema einzulesen und den Schreibprozess hinauszuzögern, ist sonst relativ groß.