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Über eine "Germanistische Institutspartnerschaft" mit Krakau wurde der Aufenthalt von Dr. Agnieszka Gaweł Anfang November 2021 in Leipzig möglich. In einem Gespräch berichtet sie über ihre Arbeit und die Möglichkeiten einer solchen Vernetzung.

Das Institut für Germanistik freut sich momentan über Besuch: Dr. Agnieszka Gaweł aus Krakau ist aufgrund der "Germanistischen Institutspartnerschaft" zwischen dem Institut für Germanistik der Jagiellonen-Universität in Krakau und dem Institut für Germanistik der Universität Leipzig in der Stadt. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Arbeit über Todesanzeigen, den kulturellen Unterschieden und den Möglichkeiten einer solchen Institutspartnerschaft.

Die Institutspartnerschaft ist ein Projekt, in welchem schon viele Austäusche stattfanden und in diese Tradition reiht sich auch Ihrer ein. Auf welche Weise steht Ihr Aufenthalt in Leipzig in Verbindung mit dem im Rahmen der Partnerschaft zwischen den Instituten für Germanistik in Krakau und Leipzig realisierten Projekt?

Das Forschungsthema, das ich realisiere, Der Einfluss kultureller Determinanten auf die Sprachgestaltung der Todesanzeigen, steht mit dem Leitthema des Projekts Textdynamiken im engen Zusammenhang. Im Rahmen meiner Forschung strebe ich an, die sprachlichen Reflexe kulturspezifischer Denk- und Verhaltensmuster zu illustrieren, die in der Kommunikation über den Tod zum Ausdruck kommen. Dabei handelt es sich sowohl um nationale Unterschiede zwischen Polen und den einzelnen deutschsprachigen Ländern als auch um den zeitspezifischen Wandel in der Sprachgestaltung der Textmuster. Berücksichtigt werden auch regionale Unterschiede zwischen verschiedenen Bundesländern/Kantonen und – in Polen – Woiwodschaften.

Inwieweit ist eine textlinguistische Untersuchung zum Einfluss kultureller Determinanten auf die sprachliche Gestaltung der Todesanzeigen gesellschaftlich relevant?

Die kulturell geprägten Einstellungen zum Tod dienen als Visitenkarte der jeweiligen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Sie spiegeln so kulturspezifische Denk- und Verhaltensmuster wider, die für die Mitglieder dieser Gemeinschaft charakteristisch sind. Dazu gehören nicht nur Konzepte zum Thema Tod und Sterben, vielmehr auch Geschlechtsstereotypen, zur jeweiligen Zeitperiode geltende soziale Hierarchien, Glaubensvorstellungen sowie Einstellungen zum Alter. Viele zentrale Entwicklungsprozesse, die unsere Gesellschaft geprägt haben, lassen sich daher aus der vergleichenden Analyse der Todesanzeigen im Wandel der Zeit ablesen. Ändern sich die Verhältnisse, ändern sich auch die Todesanzeigen.

Haben Sie bereits im Rahmen Ihrer Forschung bestimmte kulturspezifische Unterschiede zwischen der sprachlichen Gestaltung der Todesanzeigen in Polen und Deutschland identifiziert?

Der erste Unterschied, der mir ins Auge fiel, ist die Auswahl der Todesbenennungen. Während im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts der Tod oft explizit erwähnt wurde, herrscht in der gegenwärtigen Gesellschaft eine Tendenz zur Verdrängung der Todeserfahrung. Diesbezüglich weisen die deutschsprachigen Todesanzeigen eine deutliche Präferenz für den Gebrauch verschiedener Euphemismen auf. Diese verhindern die direkte Benennung des Sterbens. In polnischen Todesanzeigen kommen hingegen sogar in 40% der Texte explizite Todesbenennungen vor (im Vergleich zu ca. 25% im deutschsprachigen Material). Das Sterben wird also oft direkt signalisiert ohne auf verschiedene sprachliche Mittel zurückzugreifen, die uns helfen würden, die schmerzhafte Todeserfahrung hinter einem Vorhang euphemistischer Ausdrucksweisen zu verbergen.

Darüber hinaus sind Todesanzeigen in Polen häufig standardisiert. Die Individualisierung der Todesanzeigen ist im Verhältnis zu Deutschland deutlich geringer.

Ein weiterer Kontrast steht grundsätzlich mit Glaubensvorstellungen und dem Einfluss der Säkularisierungsprozesse in Verbindung. Deutliche statistisch relevante Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens von sprachlichen Bezeichnungen sakralen und säkularen Charakters habe ich bisher nicht identifiziert. Allerdings ist in deutschsprachigen Texten ein deutlicher Einfluss der Säkularisierungsprozesse auf die Einstellungen zum Tod, Alter und Krankheit erkennbar, was in der Auswahl der Todesmetaphern zum Ausdruck kommt. So tritt z.B. die Metapher von Altersbeschwerden befreit werden ausschließlich im deutschsprachigen Material auf, während sie in Polen aus religiösen Gründen auch vom konfessionslosen Anteil der Bevölkerung als unzulässig empfunden wäre.

Denken Sie, dass die Vertiefung des internationalen Austauschs zwischen deutschen und polnischen Universitäten zu einem besseren Verständnis der kulturellen Prägung von Texten beitragen kann?

Das im Rahmen der Institutspartnerschaft zwischen Krakau und Leipzig realisierte Projekt Textdynamiken setzt sich zum Zweck, die gesellschaftliche Relevanz linguistischer und literaturwissenschaftlicher Forschung zu Texten und Textsorten zu illustrieren. Dazu gehört natürlich auch die kulturelle Prägung von Texten. Bei der Behandlung solcher Problematiken spielt die Möglichkeit und Verknüpfung der internationalen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern eine zentrale Rolle. Denn gerade dank dem Ideenaustausch vor einem internationalen Gremium werden die kulturspezifischen Denk- und Verhaltensmuster erkennbar, die die jeweiligen Sprach- und Kulturgemeinschaften seit Jahrzehnten geprägt haben. Der Vergleich und die Zusammenarbeit lässt uns die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser verstehen.